Dombau zwischen Domvollendung und 2. Weltkrieg

Als 1880 der Kölner Dom offiziell vollendet war, bedeutete dies keinesfalls das Ende aller Arbeiten. Nachbesserungen am Bau, der Abbau der Gerüste und vor allem die Vollendung der Ausstattung zogen sich noch gut 20 Jahre hin. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1902 erklärte Dombaumeister Richard Voigtel (1861–1902), dass der Dombau nun endgültig abgeschlossen sei. Diese Behauptung erwies sich bereits vier Jahre später als gewaltige Fehleinschätzung. Vor dem sonntäglichen Hochamt am 20. Mai 1906 stürzte der Flügel einer Engelfigur über dem Hauptportal ab. Nur einem aufgespannten Regenschirm, der den Stein abbremste, war es zu verdanken, dass niemand ernsthaft verletzt wurde.

Dombaumeister Bernhard Hertel (1903–1927) gelang es geschickt den Vorfall medial zu nutzen, um eine breite Öffentlichkeit auf den teilweise prekären Zustand mancher Bereiche des Domes, vor allem aber des Chorstrebewerkes, hinzuweisen. Deutlich machte er auf die Zusammenhänge zwischen der starken Verwitterung der Steinoberflächen und der massiven Luftverschmutzung infolge der Industrialisierung und der zahlreichen Dampflokomotiven, die tagtäglich den nahegelegenen Hauptbahnhof frequentierten, aufmerksam.

Bald nach dem Vorfall von 1906 baute Hertel die inzwischen auf wenige Mitarbeiter reduzierte staatliche Dombauhütte wieder auf und begann mit den Restaurierungsarbeiten. Vor allem wurde in der Amtszeit Hertels und seines Nachfolgers Hans Güldenpfennig (1928–1944) nahezu das gesamte Chorstrebewerk erneuert. Als Steinmaterial setzte man dabei nicht auf die historischen Steine des Domes, sondern auf Krensheimer Muschelkalk. Ein wichtiges Anliegen war Hertel, auch das Abwassersystem des Domes zu verbessern, da er in der Durchfeuchtung des Steines eine wesentliche Ursache für die schweren Verwitterungsschäden sah. Pläne Hertels im Rahmen dieser Erneuerungsarbeiten eine zuvor nicht existierende obere Reihe von Wasserspeiern auf Höhe der oberen Strebebögen zu schaffen, wurde nur an einem einzigen Strebepfeiler umgesetzt. Hervorzuheben ist, dass Hertel in besonderem Maße auch auf wissenschaftliche Untersuchungen im Zusammenhang mit der Restaurierung des Domes setzte. Zu nennen sind Verwitterungsexperimente mit verschiedenen Gesteinssorten und Untersuchungen, ob der Einsatz von Chemikalien zur Konservierung des Steines sinnvoll sein könnte. Die Ergebnisse zu letzterer Frage waren negativ. Forderungen nach einer in den Formen modernen oder stark vereinfachten Ausführung der zu ergänzenden Bauteile, wie sie von verschiedenen Denkmalpflegern der Zeit erhoben wurden, lehnte Hertel ab.

Eine Maßnahme, die unter Hertels Nachfolger Hans Güldenpfennig angegangen wurde, war 1927−1930 die Stabilisierung der noch mittelalterlichen östlichen Vierungspfeiler.

Blickt man auf die Zusammensetzung der Dombauhütte im frühen 20. Jahrhundert, fällt im Gegensatz zum 19. Jahrhundert eine deutlich regionalere Zusammensetzung der Bauhütte ins Auge. Wobei es kaum Kölner waren, die nun am Dombau arbeiteten. Die Dombauhütte war fast vollständig in der Hand der Eifler. Dies wird bei einem Blick auf die Neueinstellungen des Jahres 1926 deutlich. Nachdem die Belegschaft nach dem Ersten Weltkrieg stark reduziert worden war, wurde die Dombauhütte von Dombaumeister Hertel in diesem Jahr personell wieder aufgestockt, um die vor dem Krieg begonnene Sanierung des Chorstrebewerks voranzutreiben. Während die sog. Steinmetzrolle daher in den elf Jahren zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 und 1925 nur fünf Neueintritte verzeichnet, traten allein 1926 35 neue Steinmetzen in die Dombauhütte ein. Nur ein einziger stammte aus Köln, einer aus Hessen. Der gesamte Rest wurde aus der Vulkaneifel rekrutiert, vor allem aus Mayen, Obermendig, Rieden und Weibern − einer Gegend aus der im Übrigen auch heute noch viele Mitarbeiter der Kölner Dombauhütte stammen. Die Zahl der Eifler im 19. Jahrhundert war hingegen eher gering.

Die vielleicht erschütterndsten Einträge der »Stammrolle«, in der bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg alle Mitarbeiter der Dombauhütte verzeichnet wurden, stammen jedoch aus dem Jahr 1931/32. Über mehrere Seiten liest man hinter fast jedem Namen die Bemerkung »Entlassen Weltwirtschaftskrise«. Hier zeigt sich neben Krieg und Naturkatastrophen die gewiss größte Gefahr für ein Baudenkmal wie den Kölner Dom: eine Zeit, in der man es sich aus ökonomischen Gründen nicht mehr leisten kann oder aus mangelndem Interesse und Gleichgültigkeit heraus nicht mehr leisten will, das Erbe der Menschheit zu erhalten.

            Matthias Deml

 

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